Dicke Mütter, dicke Kinder, fette Fehler &
Aggressive PR contra softe Drinks

Cola© Dmytro Sukharevskyy / www.fotolia.deMünchen, 26.09.2013 - Der August war in Sachen „Ernährungsunsinn des Monats“ doppelt ergiebig: „Kinder dicker Mütter sterben früher“1 und „Softdrinks machen Kinder aggressiv“2 haben zwei Studien ergeben. „Diese epidemiologischen Untersuchungen sind wieder ein Paradebeispiel für unaufrichtige Ernährungspropaganda: Die schwachbrüstigen Ergebnisse werden schon in den Presse-Meldungen der Journals so umgedeutet, dass viele Medien zu falschen Schlagzeilen verleitet werden“, erklärt Udo Pollmer, Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E. e.V.).
Oft genug ergeben Ernährungsstudien das Gegenteil von dem, was in der Pressemeldung suggeriert wird. Wichtige Daten werden verschleiert oder manipuliert, unerwünschte Ergebnisse einfach ins Gegenteil verdreht.
Bei beiden Untersuchungen gilt wie (fast) immer in der Ernährungswissenschaft: Die Studien haben Behauptungen geliefert, aber keinerlei wissenschaftlich relevanten Ergebnisse. Fakt ist: Kohorten- und Querschnittsstudien...

...können keine kausalen Zusammenhänge herstellen. Ob es also eine ursächliche Verbindung zwischen Aggressivität & Softdrinks oder Muttergewicht & Kindssterblichkeit gibt, lässt sich auch nicht ansatzweise belegen.

Gesamtsterblichkeit, quo vadis?

Wäre das die einzige Kritik, könnte man fast zufrieden sein. Doch diesmal kommen erschwerende Umstände hinzu: „Natürlich wurde die Gesamtsterblichkeit des Nachwuchses der Mütter nicht erfasst, denn die allermeisten der 37.000 Studienkinder, die natürlich längst erwachsen sind, leben noch. Und bei den etwa 6.600 Verstorbenen, die unnatürlich früh zwischen 34 bis 61 Jahren das Zeitliche gesegnet haben, wird die Todesursache nur sehr ungenau mitgeteilt.“ Die Ergebnisse können bestenfalls nur einen kleinen Ausschnitt widerspiegeln – wie alt die Söhne und Töchter dicker oder schlanker Mütter tatsächlich werden, wissen wir erst in 50 Jahren. Aber selbst dann bleibt die Frage offen, ob und wie das Gewicht der Mutter den Tod des Kindes mitbedingt.

Doch auch der gezielt kommunizierte Studienausschnitt lieferte ein ganz anderes Ergebnis als in der Presse zu lesen war. Die Autoren schreiben: „Aus der figure 3 können wir folgern, dass bei den Müttern mit einem BMI von 24 – 28 ( bei 25 beginnt Übergewicht, ab 30 Adipositas) die Wahrscheinlichkeit eines Todesfalls beim Nachwuchs am niedrigsten war.“ Nichtsdestotrotz fordern die Autoren in der Pressemeldung: „Die Ergebnisse unterstreichen die dringende Notwendigkeit Strategien zu entwickeln, um Fettleibigkeit bei Frauen im gebärfähigen Alter vorzubeugen.“

Wer sich diese „figure 3“ genauer ansieht, entdeckt Behauptungen, so Pollmer, „die am Verstand der Autoren zweifeln lassen: Bei einem BMI von 11 (!) sei die Überlebensrate der Kinder besser als bei einem mütterlichen BMI von 18. Eine Frau mit einem BMI von 11 würde bei einer Größe von 165cm gerade noch 30kg wiegen. Sie wäre in akuter Lebensgefahr und sicher nicht mehr fruchtbar! Solche „Studienergebnisse“ in die Welt zu setzen, ist absolut verantwortungslos!“ 

Die Cola-Büchse der Pandora?

Bei der Limostudie fehlen alle wichtigen Daten – ein deutlicher Hinweis auf unlautere Absichten, denn die Autoren haben all diese Daten erhoben, verwenden sie aber nicht. Etwa, weil das `Falsche´ herausgekommen ist? Denn selbst die hier postulierte positive Korrelation zwischen „Softdrinks & Aggression“ existiert nicht: Die Daten von „table 2“ zeigen, das sich das Verhalten der Kinder gerade nicht in einer auffälligen Weise ändert. Wenn die Studie etwas belegt, dann nur, dass es den behaupteten und gern geglaubten Zusammenhang offenbar nicht gibt. Das wäre in der Tat eine Meldung wert gewesen. 

Aber wer weiß, ob das stimmt? „Denn wenn die Angaben der Autoren korrekt sind, dann gibt es offenbar Eltern, die ihren Kleinkindern jeden Tag vier oder mehr Dosen Cola einpfeifen – und danach bereitwillig einen Fragebogen zum Verhalten ihres Kindes ausfüllen. Doch damit nicht genug: „Die Autoren teilen noch nicht einmal mit, was die Kids überhaupt getrunken haben: Coffeinhaltige Cola, Limonaden, Diätgetränke - die Daten bleiben unter Verschluss“, so Pollmer. Und trotzdem suggerieren auch hier die Autoren in der Pressemeldung einen möglichen Kausalzusammenhang: „Obwohl diese Studie die genauen Zusammenhänge zwischen Softdrinkkonsum und Problemverhalten nicht ermitteln kann, kann die Reduktion von Softdrinks oder der völlige Verzicht darauf Verhaltensstörungen vorbeugen.“ Von Logik und wissenschaftlichen Schlussfolgerungen hat man hier offensichtlich noch nie etwas gehört.

Damit derartige Datenmassagen möglich sind, hat man beide Studien erst gar nicht in einem offiziellen Studienregister angemeldet. Das ist bei Ernährungsstudien jedoch zwingend erforderlich, weil die Ergebnisse sonst geradezu beliebig manipuliert werden können. 

Wahrheit oder nicht: Beobachtungsstudie, Gesamtsterblichkeit, Registrierung

Bei diesen beiden Studien trifft demnach alles zu, was eine saubere und ehrliche Berichterstattung zu Ursache & Wirkung verhindert: Es handelt sich um epidemiologische Untersuchungen (Beobachtungsstudien), die Gesamtsterblichkeit fehlt (bei der Kinderstudie irrelevant, dafür fehlen hier andere wichtige, erhobene Kerndaten) und die Studien sind in keinem offiziellen Studienregister angemeldet.

Wenn diese drei Faktoren zusammentreffen, sollte sich jeder kritische Journalist fragen: Welche Ernährungsmärchen wollen mir die Studienleiter hier wieder auftischen?

 

Literatur 

1. Link zur Originalstudie: im BMJ 2013;347:f4539

Link zur BMJ-Pressemitteilung 

Bsp. Berichterstattung auf ntv.de: Forscher: Erst abnehmen, dann schwanger werden - Kinder dicker Mütter sterben früher 

2. Link zur Originalstudie: http:im JPEDS PII: S0022-3476(13)00736-1doi:10.1016/j.jpeds.2013.06.023

Link zur JP-Pressemeldung

Bsp. Berichterstattung: Deutsches Ärzteblatt online: „Softdrinks machen Kleinkinder aggressiv“ (16.08.13)

Bild der Wissenschaft: „Softdrinks machen Kinder aggressiv“ (16.08.13)  

Hinweis: Der „Ernährungsunsinn des Monats“ erscheint regelmäßig – und zwar immer anlässlich grob fahrlässiger Ernährungs-PR von Universitäten, Instituten & Co., die via bewusste Lancierung von Fehlinformationen den Medien und damit den Bürgern Ernährungsideologie unterjubeln wollen. Wenn Sie den „Ernährungsunsinn des Monats“ auch in Zukunft erhalten möchten, melden Sie sich einfach auf der Website des EU.L.E für den NEWSLETTER an (rechts oben, kostenlos und unverbindlich). Die jüngsten „Ernährungsunsinne“ finden Sie im Archiv.

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