Meinungsmache 2.0: Wie vage Vermutungen zu Wahrheiten werden
- denn mit Konjunktivismen lockt man keine Journalisten

Salzstreuer ElelichtSalzstreuer
Foto: Elelicht
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München, 24.10.2013 -
Der September hat in Sachen „Ernährungsunsinn des Monats“ ein Paradebeispiel geliefert, wie Vermutungen aus Beobachtungsstudien zu Wahrheiten umformuliert werden, um Redaktionen prinzipiell nichtssagende Instituts-PR schmackhaft zu machen: „Salzreduktion schützt vor Herzschwäche“ lautete die Headline der Pressemeldung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie DGK e.V.1, die es auch prompt in gutgläubige Presseorgane schaffte.2
„Diese Überschrift wird nicht durch die vorgelegten Daten gestützt – ganz im Gegenteil: Es gibt noch nicht einmal eine belastbare Korrelation“, erklärt Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E. e.V.). „Trotzdem wird den Bürgern ein `Herzschutz durch weniger Salz´ versprochen. Das ist für eine medizinische Fachorganisation wie die DGK nicht akzeptabel. Und das scheint offenbar auch der DGK klar, denn...

...nicht ohne Grund hat sie in der Pressemitteilung ihre eigene Headline mehrfach als Vermutung dargestellt.“ Konsequenterweise hätte die PR-Meldung also vermelden müssen: „Salzreduktion schützt das Herz vermutlich nicht.“ 
Die DGK macht mit Relativierungen wie „deuten darauf hin“ , „könnte“ und „vermutlich“ klar, dass wieder einmal kein Beweis für einen Herz-Schutzeffekt durch weniger Salzkonsum vorliegt. Und genau das bestätigt die „Studie“, auf die sich die DGK stützt. Es ist normal, dass Headlines von PR-Meldungen die Nachricht in zugespitzter Form darbieten, denn mit Konjunktivismen lockt man keine Journalisten. Genauso normal ist es, dass in der Ernährungsforschung meist nur spekuliert werden kann. Jedoch kann es nicht als normal gelten, wenn die zugrunde liegenden Fakten die spekulativen, Kausalität-suggerierenden Lock- oder Schockheadlines ad absurdum führen. 

Datenmassage in Reinstform

Ein Blick in die „wissenschaftliche Grundlage“ dieser Pressemeldung macht schnell klar, dass es der Datenbasis an Glaubwürdigkeit mangelt: „Erstens ist die Studie nicht publiziert“, bemängelt Pollmer, „sondern nur ein dürftiges Kongressabstract. Dadurch entzieht sich der Inhalt einer detaillierten Nachprüfung.“ Als zweites bemängelt er, dass das zentrale Kriterium, die Gesamtmortalität fehlt. „Nur so lässt sich erkennen, ob die Probanden, die weniger Salz aßen, auch tatsächlich länger lebten. Offenbar war gerade das nicht der Fall.“ Auch wird die Behauptung der DGK, weniger Salz senke das Risiko für Herzschwäche – also ein ganz kleiner Teil der vielen möglichen Todesursachen – von dem Abstract nicht hinreichend gestützt.

Beispielsweise fehlen die Signifikanzen für die Korrelationen. Analysiert man die spärlichen Abstract-Daten, so offenbart sich eine weitere Überraschung: „Die vorliegenden Daten können den Nutzen einer Salzreduktion auf die Herzschwäche nicht ansatzweise begründen“, erklärt Pollmer. Unter Berücksichtigung des Blutdrucks, ein wichtiger Parameter bei Herzproblemen, schmilzt die Korrelation zwischen hochgerechnetem Salzkonsum und Herzschwäche dahin. „Erkennbar ist dies am Konfidenzintervall CI. Dieser Wert zeigt an, wie vertrauenswürdig das Ergebnis ist. Wenn das CI den Wert von 1,00 einschließt, dann heißt das: Das Ergebnis ist nicht verwertbar. Und genau das ist hier der Fall.“

Kein Kausalzusammenhang, kein Nutzennachweis, keine Vollpublikation, kein Gesamtmortalität - keine Empfehlung!

Wenn also weder ein Kausalzusammenhang noch ein Nutzennachweis vorliegt und die Ergebnisse auf einem dürftigen Abstract basieren, der auch noch den wichtigsten Parameter der Gesamtmortalität entbehrt, dann „sollten wissenschaftliche Fachgesellschaften den Medien und Bürgern nicht suggerieren, mit einem einfachen Eingriff in die tägliche Ernährung könnte man sich gesünder essen.“ Pollmer warnt: „Der Verzicht auf Salz kann gesundheitsgefährdend sein, vor allem dann, wenn man viel trinkt.“  

Salzstudien - Paradebeispiel kannibalisierender Ernährungsforschung

Die DGK spekuliert in ihrer Pressemeldung „dass ein niedrigerer Salzkonsum das Herzinsuffizienz-Risiko vermutlich auf Basis der blutdrucksenkenden Effekte senkt.“ Ein wohlgemerkt recht angestaubter Erklärungsansatz, der zwar das öffentlich noch immer präsente Klischee „Salz macht Bluthochdruck“ bedient, jedoch bis dato jeglichen Beweis schuldig bleibt. Ganz im Gegenteil -  2009 hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG nach Auswertung von 62 Studien klar gestellt: Manche Menschen mit Bluthochdruck (Salzsensitive) können durch salzarme Kost ihren Blutdruck zwar etwas senken, aber: Keine der Studien lieferte Belege für einen positiven Einfluss auf Folgeerkrankungen oder das Sterblichkeitsrisiko. Diese Erkenntnisse sind übrigens nicht neu: Bereits vor über zehn Jahren, 2001, resümierte der Publizist Gary Tauber in SCIENCE, dass eine Verringerung des Salzkonsums nur bei sehr wenigen Menschen zu marginal niedrigerem Blutdruck führen könne, von klinischen Endpunkt-Reduktionen wie Infarkten ganz zu schweigen. 

Doch die dokumentierte „Nicht-Wirksamkeit“ ist nicht alles: der propagierte Salzverzicht könnte gar zu Gesundheitsschäden führen. Denn im selben Jahr wie das IQWiG verkündete beispielsweise die Universität Iowa, dass ein „Salzdefizit und das Verlangen danach zu den wichtigsten Symptomen führen kann, die man mit Depressionen verbindet.“ Und Ende 2010 wurde auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Bluthochdruck eine Studie vorgestellt, der zufolge eine salzarme Ernährung Infektionen und Entzündungen begünstigt. Nur ein Jahr später folgten zwei große Studien im renommierten Medizinjournal JAMA, die offenbarten: Eine salzarme Diät sei nicht nur nutzlos, sondern erhöhe deutlich das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben (Universität Löwen, Niederlande). Und weiter: Zu wenig Salz im Essen erhöhe das Sterberisiko von Bluthochdruckpatienten (McMaster Universität, Ontario). „Der unter Gesundheitsaposteln gerne propagierte Salzverzicht zum Herzschutz ist demnach alles andere als ratsam“, so Pollmer. Und dieses Gefahrenpotenzial ist schon länger bekannt:

2000 1 EULE mini 

 

 

EU.L.E.N-SPIEGEL 1/2000  Das Salz in der Suppe: Vom weißen Gold zum weißen Killer

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
2004 2 EULE mini
 
 
 
Da der Bedarf an Salz von der konsumierten Wassermenge abhängt, hier auch der EU.L.E.N-SPIEGEL 2/2004 zum Thema "Wasservergiftung", die meist eine Folge von zu viel Flüssigkeit und salzarmer Kost ist.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Quellen
 
1. „Salzreduktion schützt vor Herzschwäche“, Pressemeldung der DGK e.V., 2. September 2013/ Hinweis: Ein Link zum Abstract liegt leider nicht vor

2. Bsp. Berichterstattung:

„Weniger Kochsalz schützt vor Herzschwäche“, Ärzte-Zeitung, 26.09.13

„Zuviel Salz schwächt das Herz“, t-online, 02.09.13

München, 24. Oktober 2013

Hinweis: Der „Ernährungsunsinn des Monats“ erscheint regelmäßig – und zwar immer anlässlich grob fahrlässiger Ernährungs-PR von Universitäten, Instituten & Co., die via bewusste Lancierung von Fehlinformationen den Medien und damit den Bürgern Ernährungsideologie unterjubeln wollen. Wenn Sie den „Ernährungsunsinn des Monats“ auch in Zukunft erhalten möchten, melden Sie sich einfach auf der Website des EU.L.E für den Newsletter an (rechts oben, kostenlos und unverbindlich). Die jüngsten „Ernährungsunsinne“ finden Sie im Archiv.