VEBU verdreht (falsche) Fakten zu Fantasie!  

Zutaten GruenkohlZum Gemüsekochen braucht es Fleisch!
Zutaten für Grünkohl
Foto: Tamorlan
Lizenz: CC BY-SA 2.5
Anfang März verlinkten die Vegetarierlobbyisten des VEBU zu einem Artikel auf ihrer Website: „Fleischkonsum erhöht Sterberisiko“, visualisiert mit einem Friedhofsbild, das Grabsteine zeigt, soweit das Auge reicht1. Basis dieser „Todesdrohung“ war die Beobachtungsstudie EPIC 2. „Diese Meldung zeigt ein beliebtes Täuschungsmanöver in Sachen Ernährung: den Menschen wird eine Ursache-Wirkungs-Beziehung vorgegaukelt, die eine Beobachtungsstudie nun mal nicht liefern kann“, so Udo Pollmer, Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E. e.V.). Die Überschrift verdreht bewusst die Aussagen der Studie: „Hier wuchern die Falschinformationen: sowohl...

...im VEBU-Beitrag als auch in der Originalstudie, die seitens der Vegetarier-Redaktion entweder nicht gelesen oder bewusst falsch interpretiert wurde.“ 

In dieser EPIC-Studie wurde die Sterberate mit dem Fleischkonsum korreliert. Dabei fanden die Autoren weder einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch noch von Geflügel mit den Todesfällen. Lediglich für „verarbeitetes Fleisch“ will die Studie eine moderate Korrelation mit der Mortalität beobachtet haben – die jedoch bei detaillierter Analyse der Originaldaten fragwürdig ist. Im VEBU-Artikel liest sich das dann so: „Es konnte gezeigt werden, dass der Konsum von rotem, insbesondere verarbeitetem Fleisch einen hohen Einfluss auf die Gesamtmortalität hat.“ 

VEBU-Studien-Analyse: Falscher als falsch … 

Damit wird dem Leser suggeriert, die Studie habe ergeben, dass Steaks und Hamburger sein Leben nennenswert verkürzen. „Das ist gewagt! Denn der Studie zufolge hat weder ‚rotes Fleisch‘ noch `insbesondere´ verarbeitetes Fleisch, sondern wenn überhaupt nur verarbeitetes Fleisch einen statistischen Einfluss – und zwar auch nur einen „moderaten“ und keinen „hohen“, wie der VEBU behauptet“, erklärt Pollmer. Doch der VEBU setzt noch einen drauf: „Nicht nur die Gesamtmortalität erhöhte sich durch den Fleischkonsum, sondern auch das Sterberisiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs“. Genau das wird aber in der Studie verneint: Kein statistisch signifikanter Zusammenhang von „Rotfleisch“ mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. 

Mehr Geflügel, längeres Leben!

Die EPIC-Autoren stellen fest, dass „Wenig-Geflügel“-Esser eher ins Gras beißen als „Viel-Geflügel“-Esser. Weiter war die Gesamtmortalität bei den Wenig- bis Kein-Rotfleisch-Essern höher im Vergleich zu nahezu allen anderen Gruppen. „Auch wenn diese eigentlichen Hauptbotschaften in der Studie nur Randnotizen sind, weil sie nicht ins propagierte Bild passen - allein die Tatsache, dass sogar die Autoren auf diese Zusammenhänge hinweisen, sollte dem VEBU zu denken geben“, so Pollmer. Die Autoren resümieren dementsprechend eindeutig: „Es scheint, dass ein geringer, aber nicht ein Null-Fleischkonsum gesundheitsfördernd sein könnte.“ Das muss der VEBU wohl überlesen haben. Ja, der Vegetarier muss eben bisweilen als erster ins Gras beißen – falls die Daten stimmen.

Wurde die Studie überhaupt gelesen & verstanden?

Aber wurde die Studie überhaupt richtig gelesen? Denn selbst der Zusammenhang zwischen verarbeitetem Fleisch und Mortalität ist dubios, da er auf einem verschleiernden Rechenkonstrukt basiert. Schaut man sich diese Zahlenspielchen genauer an, findet man beispielsweise folgende Info: der „moderate“ Zusammenhang zwischen verarbeitetem Fleisch und Mortalität gilt den Autoren gemäß nur für Männer, nicht für Frauen. Merkwürdig. Jedoch ergibt sich auch hier ein ähnliches Bild wie bei rotem Fleisch und Geflügel: Männer, die keine oder sehr wenig Wurst essen, landen früher im Sarg. „Dumm gelaufen“, so Pollmer. 

Nimmt man sich Studie noch näher zur Brust, kommen weitere Tricksereien zu Tage: unterschiedliche Berechnungsgrundlagen der Sterblichkeit, die statistische Signifikanz der Daten ist vielfach nicht gegeben, mathematische Berechnungslinien sind nicht nachvollziehbar. „Und zu guter Letzt sucht man vergeblich nach einer klaren Definition, was die Autoren mit `verarbeitetem Fleisch´ eigentlich meinen. So bleibt unklar, ob beispielsweise Chicken-Nuggets Geflügel- oder Verarbeitungsfleisch sind oder für beide Kategorien verwendet wurden“, so Pollmer. Last but not least: Wäre die Studie professionell, dann hätten die Autoren den Zusammenhang zwischen der Sterblichkeit und dem Gesamtverzehr von Wurst und Fleisch geprüft. „Genau das ist unterblieben – zumindest haben die Autoren die Ergebnisse nicht mitgeteilt. Denn die Daten zum `Gesamtverzehr´ fehlen. Da hätte man vermutlich schnell erkennen können, dass die ganze Studie wahrscheinlich ein Fake ist“, vermutet Pollmer.

Die Doppelmoral der Lobbyisten

Neben vegetarischer Desinformation spiegelt der aktuelle VEBU-Artikel auch die Doppelmoral wider, Studien „al gusto“ ganz unterschiedlich zu bewerten: So hat der VEBU im Februar eine Studie der Medizinischen Universität Graz3 massiv angegriffen, die gezeigt hat, dass Vegetarier mehr Krankheiten haben als Fleischesser. Dabei postuliert die Studie keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Ganz im Gegenteil: es wurde klar und deutlich darauf hingewiesen, dass hier nur Korrelationen vorliegen, für die es keine Erklärung gibt. Nur ein paar Tage nach der VEBU-Graz-Kritik erschien dann die „Fleischkonsum erhöht Sterberisiko“-Ente auf der Bildschirmfläche. Nur der Vollständigkeit halber: Würde man an die Grazer Studie den aktuellen VEBU-Standard anlegen, so hätte die Headline heißen müssen: „Vegetarische Ernährung erhöht Krankheitsrisiko.“ Und als Bild – passend zur Aussage der Studie - vielleicht eine psychiatrische Anstalt, denn auch Depressionen und Angststörungen traten bei den Pflanzenköstlern vermehrt auf. „Passt eine Studie irgendwie ins Bild, dann grölt die Szene, passt sie nicht, dann wird öffentlich gekeift, die Studie habe Mängel, wäre schlecht gemacht und die Ergebnisse seien unbrauchbar“, so Pollmer. 

Pollmer: „Es geht doch nicht darum ‚passende Studien‘ zu finden, sondern darum, belastbare Daten von Studienmüll zu trennen. Vermutlich ist es ein Streit um des Kaisers Bart, denn: Die EPIC-Oxford-Analyse hatte bereits ergeben, dass sich Vegetarier und Fleischesser in punkto Gesamtmortalität nicht unterscheiden4. Zumindest das ist halbwegs glaubhaft.“

HINWEIS: Auch wenn diese Meldung am Vorabend des 1. April erscheint - sie ist kein Aprilscherz. Wir hätten natürlich gerne eine Stellungnahme des VEBU hier verarbeitet. Leider wollte der VEBU keine Stellung beziehen. Stattdessen nahm er die Hinweise auf die Fehldarstellungen zum Anlass, zahlreiche Korrekturen am Artikel vorzunehmen. Interessierten Redaktionen stellen wir gerne einen Ausdruck der ursprünglichen Version des VEBU-Artikels, auf den sich dieser „Ernährungsunsinn des Monats“ bezieht, zur Verfügung. 

 

Weitere themenaffine Informationen: Eine kritisch-objektive Analyse dieser EPIC-Studie  & Aktuelle Studien zu vegetarischen Legenden

Ausgewählte Originalstatements der Studie

“Low consumption of poultry was associated with increased all-cause mortality compared with moderate consumption (Table 2), but there was no association of high poultry consumption compared with moderate consumption.” (PDF , S.4)

“.. we observed .. no statistically significant association with red meat or poultry intake (Figure 1).” (S.6)

“However, all-cause mortality was higher among participants with very low or no red meat consumption.” (S.6)

“After correction for measurement error, red meat intake was no longer associated with mortality, and there was no association with the consumption of poultry.” (S.8)

„The EPIC results do not show the lowest relative risks (RRs) for subjects in the lowest meat intake category, but a slight J-shaped association with the lowest risk among subjects with low-to-moderate meat consumption. This was observed for red meat and poultry.” (S.9)

“Also, taking into account the results from the studies that evaluated vegetarian and low-meat diets, it appears that a low - but not a zero - consumption of meat might be beneficial for health.” (S.9)

“There was no statistically significant association of red meat consumption with risk of cancer or cardiovascular mortality.” (S.10)

Literatur

1. „Fleischkonsum erhöht Sterberisiko“, VEBU-Website, verlinkt am 5.3.14 von der VEBU-facebooksite (wichtig: siehe auch oben HINWEIS)

2.  Rohrmann S, et al.: Meat consumption and mortality - results from the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition BMC Medicine 2013; 63: 1-12 

3. Burkert NT, et al.: Nutrition and health – the association between eating behaviour and various health parameters: a matched sample study Plos One 2014; 9: e88278- e88278

4. Key TJ1 etal.: Mortality in British vegetarians: results from the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC-Oxford). American Journal of Clinical Nutrition 2009; 89: 1613S-1619S

01. April 2014