Bio© Liddy Hansdottir / www.fotolia.deNachdem eine Meta-Analyse1 feststellte, dass Bio-Lebensmittel nicht gesünder sind als konventionelle, gerät die Branche in Aufruhr. Eine Fernsehreportage2 zu Missständen in derViehhaltung auf Bio-Höfen tat ihr übriges.
[1] Annals of Internal Medicine 2012 Sep 4;157(5):348-66
[2] ARD Exklusiv: Wie billig kann Bio sein

Ein aktuelles Interview mit Udo Pollmer zur Thematik erschien in der "Neuen Presse" vom 04.09.2012:

PDF-download"Gesund ist eine Glaubenskategorie" Der Lebensmittelchemiker und Fachbuchautor Udo Pollmer findet „bio“ überholt:

Bio ist nicht gesünder – überrascht Sie das?

Die Kategorie „Gesund“ ist eine Glaubenskategorie. Jeder Mensch ist anders – und für ihn sind andere Speisen gesund. Der eine verträgt keinen Milchzucker und damit keine Milch, der andere keinen Sorbit und macht deshalb einen Bogen um Äpfel.

Kaufen Sie denn lieber einen Apfel aus Bio- oder aus konventionellen Anbau?

Ich würde mir angucken, ...

...wie der ausschaut. Wenn der Bio-Apfel nicht appetitlicher ist, nehme ich den konventionellen – schon allein aus Gründen des Umweltschutzes.

Wie bitte?

Die Bio-Produktion hat eine schlechtere Ökobilanz und belastet die Umwelt stärker als ordnungsgemäß angebaute konventionelle Ware.

Das müssen Sie erklären!

Die deutschen Bio-Bauern ernten nach eigenen Angaben im Schnitt etwa nur die Hälfte von dem der konventionellen Kollegen. Wenn Sie aber nur die Hälfte ernten, brauchen sie einen zweiten Globus, um die fehlende Ware zu produzieren. Jetzt könnte man einwenden, dass wir ja weniger Fleisch essen sollen und damit weniger Fläche brauchen. Da muss man bedenken, dass der Bio-Anbau den Kunstdünger weitgehend verbietet. Man benötigt also tierischen Dünger. Also braucht man für den Bio-Anbau eine umfangreiche Tierhaltung. Bio und vegetarisch schließen sich natürlich aus.

Zurück zum Apfel – da werden im konventionellen Landbau Pestizide eingesetzt. Zählt das nicht?

Auch im biologischen Anbau wird gespritzt, wenn vielleicht auch weniger – wie man ja unschwer am geringeren Ertrag sehen kann. im Bio-Obstbau wird unter anderem mit Kupfer gearbeitet, also einem Schwermetall. Dies ist biologisch nicht abbaubar, konventionelle Pestizide sind sie spätestens nach 30 Jahren wieder los – aber doch nicht Schwermetalle. Vergleichen Sie doch mal das, was Sie auf einem konventionellen Apfel an Pestiziden finden mit dem, was sich manch eine Bio-Käuferin an fragwürdigen Chemikalien in Form von Pflegemitteln und Kosmetik ins Gesicht schmiert. Bei Pestizidrückständen reden wir von Spuren, von Ultraspuren – das ist gar nicht zu vergleichen mit dem, was heute in einem deutschen Haushalt täglich an Reinigungs- und Pflegemitteln verwendet wird, die einer ähnlichen Problematik unterliegen. Soviel konventionelle Äpfel können Sie gar nicht essen, um da mitzuhalten.

Können Sie an bio nicht ein gutes Haar lassen?

Natürlich, zum Beispiel beim Öko-Bier ist die Umweltbilanz recht ordentlich. Das hängt damit zusammen, dass bei der Braugerste für eine gute Qualität wenig Stickstoff-Dünger genügt. Viel gravierender ist aber, dass die biologische Landwirtschaft vor 30 Jahren den absoluten Fortschritt brachte. Und zwar deswegen, weil sie auf schlimme Missbräuche in der Landwirtschaft aufmerksam machte. Es gab damals wirklich gravierende Probleme mit Rückständen. Die biologische Landwirtschaft stellte die richtigen Fragen und versuchte, praktische Antworten zu geben. Auf diesem Weg hat die biologische die konventionelle Landwirtschaft quasi durch die Hintertür revolutioniert. Dass heute die Ökobilanzen der konventionellen Landwirtschaft besser sind als die der biologischen, ist das Verdienst der Bios.

Und die sind jetzt überflüssig?

Das Ziel war ursprünglich, der Umwelt etwas Gutes zu tun. Die Belastung der Böden mit Schadstoffen zu vermindern und die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Heute wird aber eher für die Marotten des Kunden produziert. Etwa bei der Hühnerhaltung. Eine Massenfreilandhaltung beispielsweise führt dazu, dass sich die Tiere gegenseitig tothacken. Hühner „funktionieren“ nur in einer überschaubaren Gruppe, da gibt es eine Hackordnung. Bei 5000 Hühnern können die sich diese Hackordnung nicht merken und die Tiere erleiden massiven Stress – mit den entsprechenden Folgen. Rinder wiederum können Sie problemlos in großen Herden halten.

Wie soll sich denn ein Mensch nun gesund ernähren?

Auf dem Markt sollte man gesunden Menschenverstand einsetzen und auch ein wenig nach dem Bauchgefühl gehen. Der Bauch hat Jahrmillionen Erfahrung mit der Nahrung, die Ernährungsberatung ist gerade mal ein paar Jahrzehnte alt.