Segen, Propaganda oder Naivität?

von Sandro Christensen und Udo Pollmer, erschienen im EU.L.E.N-SPIEGEL 2-3/2015  S. 33

Goldener ReisEin Schälchen Goldener Reis
Nicht unbedingt nahrhafter,
aber allemal bunter
Foto: International Rice Research Institute (IRRI)
Lizenz: CC BY 2.0
Die Diskussion über den Goldenen Reis findet kein Ende. Von Ingo Potrykus und Peter Beyer mittels Gentechnik entwickelt, hofft man mit dieser Pflanze endlich Armutskrankheiten, insbesondere die Blindheit bei Kindern in Entwicklungsländern, bekämpfen zu können. Was die Befürworter als humanitäres Projekt betrachten, halten Greenpeace & Co für eine Bedrohung, die nur in eine Katastrophe münden kann. Wie hilfreich ist der Goldene Reis wirklich?

„Um vernachlässigbare Risiken zu vermeiden“, spottete der Statistiker Walter Krämer, „gehen die Menschen große Risiken ein“. Beispielhaft nennt er die „große Panik wegen Pestiziden in Babygemüse“, genauer gesagt in Babykostgläschen der Firma Schlecker: „Die Mütter rennen auf den Markt, machen ihr Gemüse selber, nichtwissend, dass in deutschem Marktgemüse eine 200 Mal höhere Schadstoffkonzentration vorliegen darf und auch vorliegt, als im schlimmsten, verseuchten Schlecker-Gemüse gefunden worden ist.“22

Natürlich ist auch das „Risiko“ durch Marktgemüse belanglos, es ist nur rein rechnerisch größer. Der Vorfall ist zwar schon ein paar Jahre her, aber noch immer instruktiv. Risiken lassen sich systembedingt nie völlig aus der Welt schaffen. Und sie erfordern...

...gewöhnlich eine Abwägung. So auch im Falle des Goldenen Reises, eine gentechnisch erzeugte Varietät, die aufgrund ihres Gehalts an β-Carotin gelborange leuchtet. Sie soll helfen, bei Kindern in der 3. Welt der verbreiteten Xerophthalmie, die zur Erblindung führen kann, vorzubeugen. Als Ursache gilt ein Mangel an Vitamin A. Dieses wird im Körper aus dem - den meisten Menschen vor allen aus Karotten bekannten - β-Carotin gebildet. Da Reis vielerorts ein Grundnahrungsmittel ist, besticht die Lösung durch ihre Einfachheit. Zudem ist eine Überdosierung, wie bei Vitamin A-Tabletten, mit Reis nicht möglich.


Teufelszeug

Natürlich rief das die Gegner der Gentechnik auf den Plan, die ihre Angst-Kampagnen gefährdet sahen: Der Reis wäre ein „trojanisches Pferd“, diene scheinbar einem guten Zweck und könne so die Akzeptanz der Gentechnologie erhöhen.38 Soweit kommt‘s noch! Sie empfahlen den Mittellosen, statt „Genreis“ zu essen, lieber Gemüse im Garten anzubauen. Eine zynische Idee, wie der Erfinder des Goldenen Reises, der Schweizer Ingo Potrykus fand. Wenn die Mittellosen schon keinen Reis haben, sollen sie dann etwa Rüblitorte essen?

Die Gentechnik-Gegner dämonisierten den Carotin-Reis mit geradezu aberwitzigen Behauptungen: „Die inhärente Instabilität transgener DNA und Pollenflug machen Kontamination der Pflanzen in der Umgebung nicht nur möglich, sondern äußerst wahrscheinlich. (...) Golden Rice würde gegen den dringenden Rat vieler WissenschaftlerInnen im Zentrum der Reisvielfalt in Südostasien angebaut werden. Mit Sicherheit ist dann mit einer Kontamination der noch vorhandenen vielfältigen Reissorten zu rechnen, einem nicht wieder gut zu machenden Schaden an der Grundlage für weitere Reiszüchtungen.“23 In Asien kommen ständig neue Reissorten auf den Markt - ohne dass sich irgendjemand über den Fortschritt echauffieren würde.

Natürlich entstehen diese Varietäten durch klassische Mutationszüchtung oder moderne Gentechnik, beide Verfahren sind beim heute angebauten Reis Standard.41 Dank neuer Superreissorten gelang es in den letzten Jahren, die Zahl der Hungernden und Unterernährten um Hunderte von Millionen zu vermindern.40 Was für ein Triumph! Doch das sehen nicht alle so. Greenpeace ließ per Pressemeldung verlauten, man sei „alarmiert über GMO-Experimente an Kindern - mit US-Unterstützung”. Darin wird ein Greenpeace-Funktionär aus Asien zitiert: „Die nächsten Meerschweinchen, an denen der Goldene Reis getestet wird, dürften Kinder auf den Philippinen sein. Sollen wir uns etwa selbst zum Gegenstand eines Menschenversuchs machen?“42 Gleichzeitig spielen die Greenpeace-Funktionäre auf Zeit, fordern immer neue Studien mit möglichst langer Laufzeit und lehnen auf ihren Websites pflichtgemäß Tierversuche ab.


Spendenopfer

Greenpeace musste sich daraufhin den Vorwurf gefallen lassen, die Mitschuld an zahllosen erblindeten Kindern zu tragen. Den von Greenpeace geforderten staatlichen Programmen zur Abgabe von Vitamin-A-Kapseln an Kinder kann Potrykus nicht viel abgewinnen, weil die Distribution in den Slums natürlich nicht funktioniert. Aber genau dort gibt es die gesundheitlichen Probleme, vor denen β-Carotin schützen soll.38 Den Forschern geht es inzwischen um mehr: „Vitamin A-Mangel betrifft etwa 19 Millionen Schwangere und 190 Millionen Kleinkinder, meistenteils in Afrika und Südostasien. Dieser Mangel ist mit 500 000 Fällen jährlich die Hauptursache von Erblindung von Kindern. Ohne Behandlung stirbt etwa die Hälfte von ihnen. Erst kürzlich wurde der Vitamin A-Mangel als ein ernährungsbedingtes Immun-Mangel-Syndrom erkannt, das jährlich für ein bis zwei Millionen Todesfälle, meistenteils kleiner Kinder verantwortlich ist.“ Die Zahl der Todesfälle überschritt 2010 global „die Todesfälle durch HIV/AIDS oder Tuberkulose oder Malaria. Eine hohe Sterblichkeit der unter 5-jährigen und große Armut sind eng mit Vitamin A-Mangel verknüpft.“11

Schließlich unterstellten die NGOs den Forschern, sie wollten sich nur an den Ärmsten der Armen bereichern, indem sie ihnen Gen-Saatgut unterjubeln. Dem Vorwurf der „Profitgier“ schoben die Züchter durch eine großzügige Geste einen Riegel vor: Die Erfinder und alle daran beteiligten Unternehmen verzichten auf die ihnen zustehenden Royalties, die im Rahmen des Sortenschutzrechtes für jede Art von Saatgut – gleichgültig ob mit oder ohne Gentechnik – an den Züchter zu zahlen sind. Der Reis wird kostenlos von der öffentlichen Hand an die Bauern abgegeben und kann von ihnen beliebig oft nachgebaut werden. Zumindest solange ein Reisbauer mit dieser Sorte im Jahr nicht mehr als 10.000 Dollar Gewinn erzielt.39

Apropos Bereicherung: Potrykus verweist auf Jay Byrne, der vor einem Jahrzehnt die finanziellen Mittel der Biotechnologie-Gegner berechnet hat. Demnach wurden damals „jährlich rund 1 Milliarde Schweizer Franken zur Bekämpfung der Biotechnologie aufgewendet“.10 Greenpeace und andere NGOs können ihre Meinung jedoch kaum ändern, „denn es stehen“, so Potrykus, „große finanzielle Interessen auf dem Spiel. Viele Menschen und Regierungen spenden Geld, weil sie wollen, dass man die Pflanzengentechnologie bekämpft. Greenpeace, um bei diesem Beispiel zu bleiben, würde also bei einer Änderung der Gentechnikpolitik wichtige Spendengelder verlieren.“10 Beim Goldenen Reis geht es also primär ums große Geld.


Mangel an Kritikfähigkeit?

Der skrupellose Propaganda-Krieg auf dem Rücken der Forscher und auf Kosten der Armen kann leicht den Blick für die entscheidende Frage verstellen: Wie wurde belegt, dass durch diesen Reis die Zahl der Augenkrankheiten und anderer Leiden tatsächlich im versprochenen Maße sinkt? Und sind mit der vermehrten β-Carotin-Zufuhr womöglich unerwartete Risiken verbunden, die die Sterblichkeit sogar erhöhen? Schließlich steigerte eine Extraportion β-Carotin in großen Interventionsstudien am Menschen die Lungenkrebs- und Herzinfarktrate bei Rauchern und die Gesamt-Mortalität stieg spürbar an.6,36 Die schädliche Dosis β-Carotin für Erwachsene würde erst mit einem Dutzend „Schälchen Reis“ erreicht.

Slum in AhmedabadSlum in Ahmedabad (Indien)
Vitamin A-Mangel? Ab in den Garten, frische Karotten aus dem Humus gezogen und mit einem Stich Butter serviert - wenn‘s nach Greenpeace ginge.
© Matyas Rehak / www.fotolia.de
Aber wie ist das bei Kindern? Genau in diese Kerbe hieb auch Greenpeace: „Der Goldene Reis ist auf eine Überproduktion von β-Carotin ausgelegt und Studien zeigen, dass einige Retinoide, die vom β-Carotin abstammen, giftig sind und Missbildungen verursachen.”42 Eine Warnung vor Karottengläschen-Abusus bei „hochempfindlichen Babies“ in den spendenfreudigen Industrienationen wäre sicherlich eher angebracht, denn dort kommt es immer wieder mal zum „Karottenikterus“, also einer durch Carotin ausgelösten „Gelbsucht“.7

Seltsamerweise fragt hier niemand nach den Spätfolgen. Betrachten wir also zunächst einmal die Debatte um die Häufigkeit des Vitamin A-Mangels in der 3. Welt. Auf welch dünnem Eis sich die Protagonisten hier bewegen, beweist die Bemerkung einer philippinischen Ärztin gegenüber dem Schweizer Fernsehen: „Ich habe hier noch keinen Fall gesehen von Vitamin-A- Mangel. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass regelmäßig Vitamin-A an Kinder abgegeben wird. Es ist ein reguläres Programm des Gesundheitsdepartements“.30

Potrykus antwortete: „Das ist für mich nicht überraschend, denn das ist nicht sehr einfach zu dokumentieren, obwohl es statistisch völlig sicher ist, dass diese Fälle existieren. Die Philippinen sind kein sehr günstiges Land dafür, denn in den Philippinen ist Vitamin-A-Mangel nur noch ein Problem für etwa 10 % der Bevölkerung. In anderen Ländern haben sie bessere Aussichten, ich war vor kurzem in Indien. Ich war für nicht einmal eine halbe Stunde in einem Dorf einer traditionellen Landbevölkerung und habe zwei solcher Fälle gesehen. Also diese Fälle existieren schon, man muss nur in den richtigen Bevölkerungsschichten danach suchen“.30


„Statistisch gesichert“

Natürlich mangelt es in der Dritten Welt an allem Möglichen, auch im Bereich der Ernährung. Aber es wäre schon gut zu wissen, wie verbreitet diese spezifische Vitamin-Unterversorgung tatsächlich ist, und woran man einen Mangel an Vitamin A (Retinol) überhaupt festmacht. Bis vor wenigen Jahren diagnostizierte man einen Vitamin-A-Mangel entweder am Unterschreiten des Plasmaspiegels, der gewöhnlich relativ hoch angesetzt wurde, oder anhand klinischer Symptome - nach dem Prinzip: Wer nachtblind ist, leidet unter Vitamin A- Mangel.34,49 So beweist das Ergebnis stets die eigene Prämisse. Selbst wenn man die Blutspiegel misst, weiß man immer noch nichts Genaues über die Speicher in der Leber8 - diese lassen sich nur mit beträchtlichem Aufwand und nur indirekt bestimmen.52

Angesichts der beträchtlichen Toxizität einer Überdosis ist es schon erstaunlich, dass Vitamin-A-Supplemente verteilt werden, ohne dass der tatsächliche Vitamin-Status der Kinder vorher mit validen Methoden erhoben und verstanden wurde.50 Beweisen niedrige Blut-Spiegel tatsächlich einen Mangel, der zu Siechtum oder gar zum Tode führt? Beim Spurenelement Eisen ist es genau umgekehrt: Niedrige Eisenspiegel sind in der 3. Welt überlebenswichtig, weil sie vor Infektionen schützen.24, 53 Eisen ist ein essentieller Nährstoff für bakterielle Pathogene. Erst bei hohem Hygienestandard bringen höhere Bluteisenwerte Vorteile.

Nichts anderes gilt für Vitamin A: Da der Vitamin-A-Spiegel im Blut einer Homöstase unterliegt,54 also vom Körper unabhängig vom Versorgungsstatus auf einen bestimmten Wert eingestellt wird, ist ein niedriger Pegel nur ein freundlicher Hinweis auf ganz andere Probleme.

Zu denken gibt die Bemerkung eines Forscherteams aus den USA und Malawi: Hinter einer Liste aller Krankheiten, die mit einem niedrigen Vitamin A-Spiegel im Blut korrelieren, teilen sie, in Klammern gesetzt, mit: „6% der Kinder mit Vitamin-A-Mangel starben im Vergleich zu 20% der Kinder ohne Vitamin-A-Mangel“.20 Statistisch dürften diese Zahlen etwas solider sein als ein aufmerksamer Gang durch indische Dörfer.


Augenfällig

Wenn bereits aus den Prämissen dichter Nebel steigt, und sich Vitamin- und Mineralstoff-Mängel entgegen jeder Erwartung als lebensrettend erweisen, muss die Frage erlaubt sein, ob niedrige Retinol-Spiegel auch wirklich die vielbeschworene Ursache der Xerophthalmie in der 3. Welt sind. Als Xerophthalmie bezeichnet man die Austrocknung von Hornhaut und Bindehaut, die unstrittig mit niedrigen Vitamin-A-Spiegeln korreliert. Doch ist die Korrelation auch die Ursache der Erkrankung? Bei äthiopischen Kindern trat die Xerophthalmie besonders häufig auf, wenn sie stark unterernährt waren.31 Da lassen sich sicherlich auch Korrelationen finden, die auf eine Unterversorgung mit dem Vitamin-A-Lieferanten Butter, mit dem Angebot an Erdbeertörtchen, Leberkäs oder gegrillten Heuschrecken hindeuten.

Da ist es schon aussagekräftiger, dass ein Vitamin-A-Mangel oft mit einer Hepatitis C einhergeht.51 Bei Hepatitis C-Patienten sind häufig Schäden der Augenoberfläche und Anzeichen einer Keratokonjunktivitis zu beobachten. Man spricht auch oft von einem Dry-Eye-Syndrom, das wiederum leicht eine Xerophthalmie zur Folge haben kann. Es erscheint plausibler, dass ein Erreger die Augenkrankheit auslösen kann, als dass trockene Augen eine Hepatitis begünstigen. Gleiches trifft für die Masern zu. Etwa 60.000 Kinder sollen jährlich aufgrund einer Maserninfektion erblinden. Bei der Infektion kommt es vielfach zu einer Bindehautentzündung, die unbehandelt auch die Hornhaut schädigen kann. Masernkranke weisen niedrige Vitamin-A-Spiegel auf, daher die Korrelation mit der Erblindung. Inzwischen ist in Entwicklungsländern ein Rückgang der Fälle zu verzeichnen, er wird gewöhnlich - neben der Vitamin-A-Gabe - auf die Masernimpfung zurückgeführt.26, 43, 45 In Surinam litten 2011 von gut 4.600 untersuchten Kindern insgesamt 65 an ernsten Augenproblemen, meist an Erblindung.

Hauptursache waren Frühgeburten, bei denen häufig Entwicklungsstörungen der Retina zu beobachten sind. Schäden durch Masernviren, Rubella und Vitamin A-Mangel sind dort inzwischen selten.15 In Deutschland lag der Anteil der Erblindungen durch Masern bereits um 1880 im Promillebereich.25 Xerophthalmie lässt sich wohl doch nicht so einfach durch die Gabe des Gummibärchen-Farbstoffs β-Carotin „ausrotten“, denn Krankheitserreger spielen eine wesentlich wichtigere Rolle.


Musterfall Malaria

Auch bei Malaria liegt ein Vitamin-A-Mangel vor. Hier ist der Zusammenhang klar: Der Erreger zapft die Vitaminspeicher in der Leber für sein eigenes Wohlergehen an. In Entwicklungsländern verabreicht man aus logistischen Gründen nach einer Tetanus-Impfung gleich noch Vitamin A. Allerdings verringerte diese Praxis die Kindersterblichkeit nicht, sondern erhöhte sie sogar.19 Denn im Mäusemodell entwickelten sich signifikant mehr Parasiten im Blut, wenn die Impfung mit einer Vitamin A-Gabe verbunden wurde. Welche Wirkungen mag der Goldene Reis auf Kinder in den Slums hervorrufen, wenn sie von Impfprogrammen erfasst werden? Sie sind ja einem erhöhten Parasitendruck ausgesetzt. Auch ein Mangel an Vitamin B2 (Riboflavin) bietet offenbar einen natürlichen Schutz vor Malaria.1,19 Riboflavin ist für Plasmodien, also die Malariaerreger in den roten Blutkörperchen essentiell.12

Der Mangel tritt familiär gehäuft auf und ist anscheinend ebenso genetisch bedingt wie die Sichelzellanämie, die ebenfalls vor Malaria schützt. Auch Folsäure spielt eine wichtige Rolle in Sachen Infektionen, da sie als Spurenstoff für Malariaerreger dient.32 Antifolate, also Stoffe, die verhindern, dass Organismen die vorhandene Folsäure auch nutzen können, werden wie Antibiotika eingesetzt. Zum Nachweis injizierte der Vitaminforscher Victor Herbert 20 Rhesusaffen Plasmodium cynomolgi und gab 10 Tieren Folsäure ins Futter, die anderen 10 dienten als Kontrolle. Ohne Folsäure blieben sämtliche Affen gesund, mit Folsäure erkrankten alle Tiere an Malaria.16 Der Malariaerreger bleibt einige Tage in der Leber, bevor er von dort aus die roten Blutkörperchen entert. In der Leber zapft Plasmodium falciparum offenbar den Vitamin A-Speicher an und erzeugt daraus Retinolsäure, eine spezielle Vitamin-A-Verbindung. Damit destabilisiert der Parasit dann die Zellmembranen der roten Blutkörperchen.

Die charakteristische Hämolyse (Auflösung der Erythrozyten) und Anämie sowie weitere Begleitsymptome könnten auf eine endogene Vitamin-A-Vergiftung zurückzuführen sein. Charakteristisch für diese sind eine hohe Konzentration von Retinolsäure und eine niedrige von Vitamin A als Folge der Umwandlung in Retinolsäure durch den Malariaerreger.27,28 Für diesen Zusammenhang spricht auch der Umstand, dass Vitamin-A ein Antagonist von Artemisinin ist. Artemisinin ist ein wichtiger natürlicher Wirkstoff gegen Malaria.46 Dies erklärt auch, warum Vitamin-A-Gaben das Sterberisiko bei Malaria nicht verringert, selbst dann, wenn die Parasiten im Blut zunächst weniger werden sollten.28


Vitamin A: Festschmaus für Parasiten

Viele Parasiten können Vitamin A nicht selbst synthetisieren und sind auf die Zufuhr aus dem Blut ihres Wirtes angewiesen, zudem verursachen zahlreiche Parasiten Augenschäden.14 Ein Befall mit Onchocercarien (durch Kriebelmücken übertragene Fadenwürmer) beispielsweise führt zu Nachtblindheit oder gar zu völliger Erblindung, gleichzeitig sinken die Retinolspiegel im Blut.3

Patentmedizin„Patentmedizin“
So hießen einst in den USA die Nahrungsergänzungsmittel. Schon damals wurde die Gesundheit von Frauen und Kindern durch eisenhaltige Präparate aufs Spiel gesetzt. Heute ist der Begriff „patent medicine“ ein Synonym für Quacksalberei.
Auch andere in den Entwicklungsländern verbreitete Parasiten bedienen sich am Retinolvorrat ihres Wirtes und schöpfen aus dem Vollen. Je mehr Retinol, desto besser gedeihen Eingeweidewürmer wie z.B. Trichuris (Fadenwurm), Ascaris (Spulwurm) oder Hakenwürmer.17, 18, 48 Auch Toxoplasmose und Giardiasis, die beide ebenfalls zu Augenschäden führen, senken den Vitamin A-Spiegel in der Leber.2,9,44

Die Wechselwirkung zwischen dem Vitamin-A-Bedarf von Parasiten und niedrigen Blutspiegeln ist der Fachwelt seit Jahrzehnten bekannt.47 Immerhin sind zwei Milliarden Menschen von Eingeweidewürmern bedroht. Kommt es durch Vitamin A-Gaben oder β-Carotin-Reis auch nur zu einer leichten Erhöhung der Infektionsrate und der Mortalität, würde dies bereits den möglichen Nutzen infrage stellen. Dafür spricht auch eine aktuelle Publikation, die sich dem „Rätsel“ widmet, warum mit der Supplementierung die Mortalität der Kinder nicht wie erwartet gesunken ist, sondern sich durch Vitamin-A-Gaben sogar die die Sterblichkeit von Jungs „verdoppelt“ hat!5

Hier wiederholt sich das, was bereits die Therapie der in der 3. Welt weitverbreiteten Anämie gezeigt hatte: Mit einer Extraportion Eisen konnte man zwar die Blutwerte verbessern, leider verstarben dabei aber viele der Patienten an Infektionen. Auch bei „Multivitaminen“ ist dieser Effekt seit langem bekannt - trotzdem wird immer wieder versucht, vermeintliche Nährstoffmängel zu „therapieren“: Unlängst wurden in Tansania über tausend schwangere AIDS-Kranke mit Multivitaminen beglückt: „Die klinische Bedeutung des erhöhten Risikos einer Malariainfektion bei supplementierten Frauen erfordert weitere Forschungen.“ 35

Der Goldene Reis gehört zu einem der seltenen Beispiele, bei dem der Einsatz von Gentechnik mehr Schaden anrichten könnte, als ihre Erfinder es sich je hätten träumen lassen. Und doch gäbe es eine sinnvolle Anwendung: Wenn die Programme mit den Vitamin-A-Supplementen in Entwicklungsländern zugunsten des Goldenen Reises eingestellt würden, käme dies den Kinder zugute. Denn β-Carotin ist harmloser als Vitamin A, und Reis kann nicht überdosiert werden.


Glaube macht blind

Die Dritte Welt ist als Markt für gentechnisch veränderte, vermeintlich gesündere Nahrung nicht wirklich interessant, weil es dort an Kaufkraft mangelt. Das war mutmaßlich ein Grund für die Gentechnik-Unternehmen auf die Einnahmen aus dem Goldenen Reis zu verzichten. Viel wichtiger war ihnen der erhoffte Imagegewinn - „Vitaminreis heilt Kinderaugen!“ So ließen sich in Wohlstandsgesellschaften gewiss lukrative Produkte „mit gesundheitlichem Zusatznutzen“ vermarkten und später in die Schwellenländer exportieren.38

Dazu gehört auch die „gesunde“ Ernährung. Sie fasziniert jene Menschen, die im Dschungel der Ernährungsberatung die Orientierung verloren haben und nun Halt suchen in etwas, an das sie „glauben“ können. Die populäre Vitaminlehre empfängt die Entwurzelten mit offenen Armen in ihrer Kirche und lädt zum Abendmahl bei alkoholfreiem Wein. Dafür bekommen die Gläubigen zu den Oblaten aus Kleie „natürliche Antioxidantien“ serviert, auf dass sich durch das heilige Mahl der Himmel ewiger Gesundheit auftue. Allein das Wort „Vitamin“ versetzt sie in Verzückung. Leider handelt es sich dabei nur um willkürlich ausgewählte Stoffe von mehr oder weniger zweifelhaftem gesundheitlichem Wert.4, 13, 33, 37

Diese von ernährungsmedialem Kinderglauben beseelte Ideenwelt trägt inzwischen neue Früchte: Ingo Potrykus‘ Kollege Peter Beyer erhielt Forschungsgelder von der Bill und Melinda Gates-Stiftung, um beim Goldenen Reis die Bioverfügbarkeit von Vitamin A und E sowie von Eisen und Zink weiter zu verbessern.21 Diese Ziele sind sicherlich problematischer als die Extraportion β-Carotin im Reis, und die Gelder wären besser angelegt, um jene Infektionserreger, die zu Erblindung führen, zu identifizieren und Therapien dagegen zu entwickeln. Niedrige Werte bei angeblich „lebenswichtigen“ Stoffen können zwar auf einen Mangel hinweisen, dienen aber dem Körper oft genug als Schutz vor Mikroorganismen und Parasiten, für die derart „Gesundes“ noch lebenswichtiger ist als für ihre Wirte.

Fragwürdige Bereicherungen des Lebensmittelangebotes werden im Fahrwasser des Goldenen Reises auf breiter Front vorangetrieben: Sojabohnen mit weniger gesättigten Fetten, Reis mit einer Extraportion Eisen, Karotten mit erhöhter Calciumfracht, Radikale fangende Tomaten, Tomaten mit Folsäure sowie Flachs, der Fischöl produziert.29, 42 Nicht die oft beschworenen Risiken der Gentechnik gefährden die Menschheit, sondern deren Naivität in Sachen Ernährungsfragen.

 


Gesunder Mangel

Niedrige Plasmaspiegel an Vitamin A, Folsäure, Riboflavin, Eisen oder Zink sind vielfach nicht der Beweis für einen Mangel oder gar eine eigenständige Krankheit. Es sind Symptome, die Hinweise auf eine Grunderkrankung liefern, meist eine Infektion oder Parasitose, die im Mittelpunkt der therapeutischen Bemühungen stehen sollte. Die Gabe der „fehlenden“ Stoffe ist oft kontraindiziert, weil sie mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden ist.

 

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