Faktencheck zu Maybrit Illner vom 09.06.2011:
Tödliche Keime, ratlose Ärzte, hilflose Politiker - EHEC-Angst ohne Ende?

Kuh und Kind© ivarfoto / www.fotolia.deDer spezielle EHEC-O104:H4-Stamm (auch Enteroaggregative Escherichia coli, EAEC genannt) ist typisch für den Menschen und nicht für Nutztiere. Prof. Dr. Helge Karch vom Institut für Hygiene der Uniklinik Münster bezweifelt sogar, daß er Tiere überhaupt besiedeln kann.1 Auch aus Sicht des BfR ist es „wahrscheinlich, dass der für das aktuelle Ausbruchsgeschehen verantwortliche Stamm über den Menschen oder vom Menschen über die Umwelt erfolgt ist. Der Erreger kann über Lebensmittel verbreitet werden. Während EHEC-Bakterien im Darm von Wiederkäuern leben, ist EAEC bislang nur im Menschen nachgewiesen worden, nicht in Tieren".

Zur Herkunft des Keimes schreibt das BfR: „Die Sequenzanalyse von O104:H4 zeigt eine genetische Übereinstimmung von 93 % mit einem EAEC-Stamm aus Zentralafrika." Erkrankungsfälle mit EAEC treten vornehmlich in Entwicklungsländern auf. Durch die Globalisierung gewinnen die EAEC auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung.9,10 Er wird von Reisenden – egal ob Touristen, Geschäftsleute, Gaststudenten, Wanderarbeiter – verbreitet...

...Da Reisedurchfälle vom Hausarzt meist mit Antibiotika behandelt werden, kommt es hier zur Selektion resistenter Keime. Gleichzeitig sind natürlich auch in der Kläranlage Antibiotika aus der Behandlung von Menschen und Heimtieren vorhanden, die ebenfalls zur Resistenzselektion beitragen. Das BfR am 9. Juni 2011 hierzu: „Das Resistenzmuster deutet eher auf einen menschlichen Ursprung hin".2

Ein fast identischer Erreger hatte bereits im Jahr 2001 in Münster bei einem Kind zu einer schweren Infektion mit HUS geführt.3 Der Bienenbütteler Biokeim ist erkennbar eine Fortentwicklung des damaligen Erregers.

Eine Untersuchung aus Dänemark hatte schon vor Jahren ergeben, dass die EHEC-Keime, die zu menschlichen Infektionen führten, ausnahmslos andere waren, als in der Tierhaltung.4 Vom Menschen allerdings können sie wieder in Tierhaltung gelangen – z.B. durch Urlaub auf dem Bauernhof oder wenn Tiere bei der sogenannten „Tiergestützten Therapie" mit Patienten in Kontakt kommen – vor allem wenn dies in Kliniken angeboten wird.11 Hier dürfte dürfte sich das Erregerkarussell schneller drehen, als an der Türklinke einer Hausarztpraxis.

Biokühe unterscheiden sich weder in Hinblick auf die Häufigkeit von EHEC noch auf die Resistenzmuster von konventionellen Rindern.5,6 Zudem werden EHEC-Keime auch bei Wildtieren beobachtet wie Rotwild,7 Gämsen8 und Tauben.12 Die Autoren der letztgenannten Studie bezeichnen Tauben als ein wichtiges Reservoir für EHEC (Shiga toxin-prodzierende E. coli O157:H7).12 

Das Problem ist also weniger die „Massentierhaltung", die eine bessere Kontrolle von Keimen erlaubt als die Freilandhaltung, sondern die „Massenmenschenhaltung" und die „Massenmedien".

LM-Chem. Udo Pollmer und Dr. Manfred Stein

 

Literaturauswahl:

(1) Universitätsklinikum Münster, Pressemitteilung vom 10.06.11

EHEC-Ausbruchsstamm: Prof. Karch vermutet den Mensch als ein Reservoir / „Das wäre nicht das erste Mal"

(2) BfR: Fragen und Antworten zur Herkunft des Enterohämorrhagischen E. coli O104:H4; FAQ des BfR vom 9. Juni 2011

(3) MacKenzie D: Bean sprouts to blame for 'decade-old' E. coli 10 June 2011

(4) Møller Nielsen E, Scheutz B: Characterisation of Escherichia coli O157 isolates from Danish cattle and human patients by genotyping and presence and variants of virulence genes. Veterinary Microbiology 2002; 88: 259-273

(5) Reinstein S et al: Prevalence of Escherichia coli O157:H7 in Organically and Naturally Raised Beef Cattle. Applied and Environmental Microbiology 2009; 75: 5421-5423 

(6) Peter Kuhnert, Christoph R. Dubosson, Markus Roesch, Esther Homfeld, Marcus

G. Doherr and Jürg W. Blum

Prevalence and risk-factor analysis of Shiga toxigenic Escherichia coli in faecal samples of organically and conventionally farmed dairy cattle

Vet Microbiol. 2005 Aug 10;109(1-2):37-45.

(7) BfR: Wildfleisch als Quelle für EHEC-Infektionen unterschätzt. 16/2007

(9) Robert Koch-Institut. (2002): Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2001.

(10) Robert Koch-Institut (2009): Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2008. 

(11) Andreas Schwarzkopf, Irene Drubel

Multiresistente Erreger und Haustiere – Fallgeschichte und Literaturübersicht

Hyg Med 2008; 33 [4]: 160–162.

(12) Antonio Santaniello, Antonio Gargiulo, Luca Borrelli, Ludovico Dipineto, Alessandra Cuomo, Mariangela Sensale, Marzia Fontanella, Mariarosaria Calabria, Vincenzo Musella, Lucia Francesca Menna, Alessandro Fioretti

Survey of Shiga toxin-producing Escherichia coli O157:H7 in urban pigeons (Columba livia) in the city of Napoli, Italy

Italian Journal of Animal Science, VOL. 6, 313-316, 2007