Faktencheck zu Maybrit Illner vom 09.06.2011:
Tödliche Keime, ratlose Ärzte, hilflose Politiker - EHEC-Angst ohne Ende?

salmonella intraSalmonellen in Pflanzenzellen
Foto: Heribert Hirt
Alle rohen Lebensmittel bergen ein gesundheitliches Risiko, egal ob Muscheln, Mett oder Möhren. Dies liegt in der Natur der Sache. Die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten – weniger tierische Produkte und mehr Rohkost – hat selbstverständlich auch Folgen für die Verbreitung von Krankheiten. Bei Obst und Gemüse sind die wichtigsten Übertragungswege von Krankheitskeimen organischer Dünger (Fäkalien aller Art wie Mist, Gülle, Guano, Klärschlamm), die Art der Bewässerung (z.B. Beregnung aus einem Bach in den durch Regenwasser Fäkalien von Weide- oder Wildtieren gelangt sind), sowie das Anfassen der Ware durch Erntearbeiter.

Ein Report der US-Verbraucherschutzorganisation "Center for Science in the Public Interest" (CSPI) belegt, dass frisches Obst und Gemüse für deutlich mehr Salmonellenausbrüche verantwortlich ist als Geflügel. Zudem waren bei Masseninfekten durch Obst und Gemüse durchschnittlich mehr Menschen betroffen. (Obst und Gemüse: 47,8 Personen; Geflügel 30,6; Rindfleisch 27,4; Meeresfrüchte 9,9). Häufigste Ursache waren Noroviren, gefolgt von E. coli und Salmonellen. Beim aktuellen Ausbruch...

...durch Sprossen in Deutschland sind es aktuell stattliche 3.200. Lebensmittelinfektionen sind eine wichtige Krankheitsursache mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten. In den USA wird von jährlich 76 Millionen Infektionen gesprochen. Hiervon mussten 325.000 im Krankenhaus behandelt werden. Dennoch starben etwa 5.000 Patienten.3 Für England und Wales liegen die Zahlen bei 2,4 Millionen Erkrankungen pro Jahr, 21.000 Krankenhauseinweisungen und mehr als 700 Todesfällen.4 Für Deutschland fehlen vergleichbare Daten.

EHEC vom Typ O157:H7 oder auch Salmonellen, die mit organischem Dünger auf dem Feld ausgebracht werden, bleiben ein halbes Jahr im Boden qietschlebendig. Gelangen sie dabei auf Gemüse wie Radieschen oder Karotten, bleiben sie abermals Monate lang infektiös. Gleiches gilt für Grünsalate, die mit erregerhaltigem Wasser gegossen oder beregnet wurden.5,8 Speziell Blattgemüse nehmen Keime wie E. coli oder Salmonellen über die Wurzeln auf. Dort angekommen, können sie sich sogar in der Pflanze vermehren, so dass in diesem Falle selbst gründliches Waschen ohne jede Wirkung bleibt.6,7,9 Deshalb ist Rohkost nichts für Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser oder Altenheime.

„Wir haben einzelne Bakterien mit einem fluoreszierenden Protein markiert und dann deutlich deren Eindringen und Vermehrung in Wurzelzellen beobachten können. Bereits drei Stunden, nachdem die Bakterien in Kontakt mit den Wurzeln kamen, waren sie in die Zellen feinster Wurzelhaare eingedrungen. Schon siebzehn Stunden später waren die Zellen dickerer Wurzeln infiziert", so die Aussage von Prof. Hirt. Unité de Recherche en Génomique Végétale (URGV) in Evry (Frankreich).

Wesentliche Ursache des aktuellen EHEC-Ausbruchs war die Ernährungsberatung, die aller Welt einredete, frische Sprossen seien gesund. Der Preis für diese „Empfehlung" sind bisher (Pfingstmontag) 3.228 Erkrankungen, 781 HUS-Fälle und 33 Tote.

LM-Chem. Udo Pollmer und Dr. Manfred Stein

 

Literaturauswahl: 

(1) WHO, Foodsafety and Foodborne Illness, Fact Sheet 237, September 2000

(2) Adak, G.K., Long, S.M. and O'Brien, S.J.,

Intestinal infection: Trends in indigenous foodborne disease and deaths, England and Wales 1992 to 2000,

Gut, 51 (2002) 832-841.

(3) Mead, P.S., Slutsker, L., Dietz, V., McCaig, L.F., Bresee, J.S., Shapiro, C., Griffin, P.M. and Tauxe, R.V., Food related illness and death in the United States, Emerging Infectious Diseases, 5 (1999) 607-625.

(4) Rocourt, J., Moy, G., Vierk, K. and Schlundt, J., The present state of foodborne disease in OECD countries, WHO, Geneva, 2003, pp. 1-43. 

(5) Islam, M., Doyle, M.P., Phatak, S.C., Millner, P., Jiang, X.

Persistence of enterohemorrhagic Escherichia coli O157:H7 in soil and on leaf lettuce and parsley grown in fields treated with contaminated manure composts or irrigation water

J. Food Prot. 2004, 67, 1365-70

(6) Solomon EB et al: Transmission of Escherichia coli O157:H7 from Contaminated Manure and Irrigation Water to Lettuce Plant Tissue. and Its Subsequent Internalization Applied and Environmental Microbiology 2002; 68: 397-400

(7) Schikora A, Carreri A, Charpentier E, Hirt H, 2008

The Dark Side of the Salad: Salmonella typhimurium Overcomes the Innate Immune Response of Arabidopsis thaliana and Shows an Endopathogenic Lifestyle.

PLoS ONE 3(5): e2279. doi:10.1371/journal.pone.0002279

(8) Islam M et al: Fate of Salmonella enterica Serovar Typhimurium on Carrots and Radishes Grown in Fields Treated with Contaminated Manure Composts or Irrigation Water. Applied and Environmental Microbiology 2004; 70: 2497-2502

(9) Michel M Klerks, Eelco Franz, Marga van Gent-Pelzer, Carolien Zijlstra and Ariena HC van Bruggen Differential interaction of Salmonella enterica serovars with lettuce cultivars and plant-microbe factors influencing the colonization efficiency The ISME Journal (2007), 1–12

(10) Caroline Smith DeWaal, Farida Bhuiya

Outbreaks by the numbers: Fruits and Vegetables 1990-2005

Center for Science in the Public Interest; Washington, DC, 2009