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ein Artikel von Udo Pollmer in der österreichischen Zeitschrift "Die Ernährung"PDF download

Schweine auf dem Rasen© countrypixel / www.fotolia.de

Unsere Lebensmittelwirtschaft versteht sich immer weniger als zuverlässiger Ernährer der Bürger, sondern als Wunscherfüller von Sehnsüchten. Sie verkauft Etiketten mit einer heilen Märchenwelt. Oft auch einer Welt des Wahns. So findet sich ein breites Angebot von Speisen, die helfen sollen, abzunehmen. Also Nahrung, die im Körper eine Hungersnot auslösen soll, damit dieser zur Selbstverdauung schreitet. Schon wird der Mensch weniger – und glaubt durch Masseverlust wieder jünger und attraktiver zu wirken. Da ist selbst der Verkauf von Zehnerkarten für eine imaginäre Altweibermühle seriöser. Willkommen in „Felix Absurdistan“. Lasst alle Hoffnung fahren, so ihr einkaufen geht. Dann betretet Ihr einen Zauberwald, dann kuscheln die Ferkel auf Stroh, plüschige Bärenmarkenbären tapsen über saftige Almen und entlocken Alpeneutern frische Alpensahne, und fesche Ökobauern präsentieren stolz ihre...

...handgestreichelten Karotten, – nicht umsonst laut AMA-Werbung die „Wurzel des Hochgenusses“. Das Gemüse im Plastiksackerl vom Discounter macht leider viel zu früh schlapp, aus Sicht der urbanen Österreicherin ist konventionelle Ware ziemlich unbefriedigend. „Bio“ ist das neue „heilig“, ein Beweis umweltpolitischer Frömmigkeit. Hübsche Bilder auf den Eierpackungen mit würzigen Misthaufen haben die Heiligenbilder abgelöst. Wie sehr die Bilder des Agrarmarketings bereits das Denken der Konsumenten ersetzen, zeigen Eierkartons mit dem fetten Aufdruck „Marke Hahn“ – vermutlich weil doch die Gockel die dickeren Eier haben ... Aufgescheucht durch sogenannte „Skandale“ kommen dem Verbraucher aber immer wieder Zweifel, ob die Hähne wirklich glücklich sind und ob den braunen Bären der Weidegang reicht? Sie fürchten, dass die Kärntner Rindswurst vielleicht doch aus notgeschlachteten Lipizzanern besteht oder die Karotten womöglich in einem harten holländischen Giftcocktail steckten statt im weichen Mutterboden des Marchfelds.

Und deshalb will der Kunde jetzt ganz genau wissen, was da wirklich drin ist. Selber schuld!

All das wollen wir in Wirklichkeit nur wissen, weil wir nicht wissen, wie unsere Lebensmittel hergestellt werden, welche Rohstoffqualitäten drin sind, welche Technologien dafür erforderlich waren. Dann sollen Surrogat-Siegel das nötige Vertrauen wiederherstellen. Mit jedem Zusatzlogo, mit jedem neuen Versprechen der neuen ökosozialen Märchenonkel, mit jeder vermeintlich „ganzheitlichen“ Anforderung wird ein neues Themenfeld aufgemacht, das den Konsumenten hilflos zurücklässt. Mit jedem Logo wächst das Misstrauen. Aber das will ja keiner wissen.

 

Udo Pollmer (Vortrag Wintertagung 30. 1. 2015)
Lebensmittelchemiker, wissenschaftlicher Leiter des EU.L.E. e.V
Die Ernährung, Österreichische Zeitschrift für Wissenschaft, Recht, Technik und Wirtschaft, Volume 39; 01/2015