Nur der Mensch benutzt die Chlorchemie, die Natur kennt solche verrufenen Verbindungen nicht, oder? Es spricht der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des EU.L.E. e.V.



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Willkommen zur Brotzeit. Heut werden keine Weißwürste serviert – im Gegenteil, es wird etwas abserviert, nämlich ein hartnäckig am Schuhwerk klebendes Ökomärchen.

Erinnern Sie sich noch an die böse Chlorchemie? Eine der ersten großen Kampagnen der Umweltverbände gegen die Chemische Industrie. Damals wurde uns Krankheit, Siechtum und Tod versprochen durch Pestizide wie DDT, Kunststoffe wie PVC und Lösungsmittel wie Chloroform. Gefordert wurde der „Ausstieg“. Erst kamen Anwendungsverbote, dann Produktionsverbote. Inzwischen ging die Kampagne sang- und klanglos die Spülung runter. Die Betreiber...

...haben ihre Antichlor-Propaganda im Netz weitgehend gelöscht. Stattdessen dehnten sie ihre Aktivitäten pauschal auf die ganze „Chemie“ aus. Seltsam.

Das ideologische Fundament der Kampagnen lautet: Das, was die Natur selbst produziert, kann sie auch abbauen, aber alles, was der Erfindergeist des Menschen zuwege bringt, bedeutet Gefahr – sofern es nicht Gramm für Gramm mit großem Aufwand recycelt wird. Sonst ersticken wir noch in Müllbergen, verpesten die Atemluft mit Treibgasen, verseuchen die Gewässer mit Pestiziden. Und über all dem dräut das Klima, der Teufel heizt dem Fegefeuer ein und wir werden alle verschmoren, wenn wir nicht neue Öko-Steuern freudig begrüßen. 

Dass chemische Produkte, namentlich die Chlorchemie, ein Problem darstellen können, ist ja nicht falsch. Falsch ist aber, dass die Chlorchemie unnatürlich sei und deshalb die Umwelt dauerhaft schädige. Ich habe das früher selbst geglaubt. Inzwischen liegen aber genug Daten vor, die belegen, dass über weite Strecken das Gegenteil zutrifft. 

Egal ob Pestizide, chlorierte Lösungsmittel, bromierte Flammschutzmittel, flourierte Treibgase – also all das was unsere Umweltschützer attackieren – das entsteht auch irgendwo in der Natur. Manchmal sind die Produzenten unscheinbare Mikroben, manchmal Algen, manchmal genügen die UV-Strahlung der Sonne oder die extremen Gegebenheiten in der Erdkruste. Lebewesen bilden sie meist zu ihrem Schutz, – also als Pestizide – nach dem Motto, je giftiger desto besser.

Auch „menschengemachte“ Pestizide, deren Anwendung eingeschränkt oder verboten wurde, kommen auch aus dem Schoße der Natur. Zum Beispiel der Unkrautvernichter 2,4-D. Den bilden Cyanobakterien, das Fungizid Tribromphenol steuern Meeresorganismen bei, das Antibiotikum Chloramphenicol wird auf manchen Äckern vom Bodenleben erzeugt. Weizen nimmt die Arznei auf. 

Weltweit geächtet ist Methylbromid, ein Bodenentseuchungsmittel für Treibhäuser, weil es die Ozonschicht zerstört. Die Natur erzeugt davon geschätzte 50.000 Tonnen im Jahr – vermutlich illegal. Wichtigster Produzent des Klimagases ist Raps – der angebaut wird, um klimaschonend Energie zu gewinnen. Natürlich verpestet auch Brokkoli die Luft mit dem bösen, bösen Giftgas. Also liebe Kinder, tut was für die Umwelt: Spuckt‘s aus, das grüne Gift.

Auch Meeresalgen steuern etwas Methylbromid bei, und reichlich Chloroform – allein davon erzeugen Algen und Co. Jahr für Jahr mehr als eine halbe Million Tonnen. Dazu kommen weitere Lösungsmittel, Flammschutzmittel aber auch Hochchloriertes wie eine Substanz namens Q1. Diese Gifte sammeln sich seit jeher in der Muttermilch von Inuitfrauen. Die nehmen es ihrerseits aus Meeressäugern auf. Die Rückstände sind sowohl von ihrer Giftigkeit wie auch Menge brisanter als die sog. Menschengemachten.

Noch eins gefällig? PVC gehört ja auch zu den Supergiften unserer Steinzeitideologen. Als besonders gefährlich gilt der Ausgangsstoff Vinylchlorid. Ihn bilden allerlei Pilze und Bakterien aus Chlorphenolen, die wiederum beim Verrotten von Pflanzen entstehen können. Vinylchlorid ist sogar krebserregend. Also Vorsicht beim Waldspaziergang. Apropos Krebs: Beim Verrotten findet manchmal auch eine Synthese von Dioxinen statt – volkstümlich als Sevesogift bezeichnet. 

So wie derartige Stoffe von Lebewesen erzeugt werden – so können andere Lebewesen diese auch wieder abbauen. Für den Menschen ist es wichtig, den Überblick zu behalten, ihre Giftigkeit einzuschätzen – egal ob sie aus der Natur oder dem Labor kommen – und damit vernünftig umzugehen. Die populäre Forderung nach einem „Ausstieg“ bedeutet heute meist einen Ausstieg aus der Realität. Ökowahn statt Koks. Wie war das noch mit dem Opium fürs Volk?

Gerade geistert die Meldung durch die Presse, dass die FCKW, die längst verbotenen Treibgase und Kühlmittel einfach nicht aus der Atmosphäre verschwinden wollen. Also postulieren Forscher die Existenz einer geheimnisvollen Fabrik in Asien, die ungeheure Mengen FCKW produziert.

Generell benehmen sich die FCKW höchst seltsam. Sie finden sich vor allem am Südpol und löchern dort die Ozonschicht, obwohl sie vor allem im Norden produziert und eingesetzt wurden. FCKW sind schwer, sie sinken immer zu Boden – und sammeln sich an der tiefsten Stelle. Auch hier gäbe es eine natürliche Quelle: Vulkane speien allerlei Chemie hoch in die Atmosphäre. Anders könnten FCKW auch gar nicht durch die Tropopause bis in die Ozonschicht gelangen.

FCKW entstehen in der Erdkruste – da unten herrschen nämlich ungeheure Drücke und zugleich enorme Temperaturen. Die Reaktionen, die dort stattfinden, folgen nicht mehr den Gesetzmäßigkeiten im Labor, so bei 20° und bei normalem Luftdruck. In diesen geologischen Gefilden liegen die Stoffe als Plasma vor. Aus Carbonaten, Wasser, Chloriden und Fluoriden entstehen auch FCKW. Auf ganz natürlichem Wege.

Also: Lassen Sie sich von den Drohkulissen gegenüber „menschengemachten“ Chemikalien nicht um den Verstand bringen. Und fallen Sie bitte nicht darauf rein, wenn wieder einer erzählt, „natürliche“ Substanzen seien stets besser für Mensch und Umwelt.

 

Literatur:

Gribble GW: Naturally Occurring Organohalogen Compounds - A Comprehensive Update. Progress in the Chemistry of Organic Natural Products. Springer, Wien 2010

Gold T: The Deep Hot Biosphere – The Myth of Fossil Fuels. Copernicus, NY 1999

Pollmer U, Fock A: Umweltverschmutzer Natur: Natürliche Chlorchemie. EU.L.E.nspiegel 2011; H.1: 10-19

Tiong SH et al: Natural organochlorines as precursors of 3-monochloropropandiol esters in vegetable oils. Journal of Agricultural & Food Chemistry 2018; 66: 999-1007

Vetter W: Zur Bedeutung von natürlichen halogenierten Koohlenwasserstofffen in Meerestieren. Lebensmittelchemie 2002; 56: 33

Pollmer U, Pfuhl J: Ozonloch: Aus dem Schlund der Hölle. EU.L.E.nspiegel 2011; H.1: 20-25

Montzka SA et al: An unexpected and persistent increase in global emissions of ozone-depleting CFC-11. Nature 2018; 557: 413-417

Jordan A: Volcanic formation of halogenated organic compounds. Handbook of Environmental Chemistry 2003; 3 121-139

Frische M et al: Fluxes and origin of halogenated organic trace gases from Momotombo volcano (Nicaragua). G3 2006; 7: Q05020

Anmerkung

Zu biologischen Entstehung halogenorganischer Verbindungen existieren Abertausende von Fachpublikationen, da es eines der großen Themen der Umweltchemiker ist. Die hier angegebene Literatur ist nur als Einstieg gedacht. Unsere Medien haben den letztlich banalen und streckenweise als Allgemeinwissen einzustufenden Inhalt gewöhnlich abgelehnt.
In Sachen FCKW als Vulkanemissionen steht für die „Klimawandler“ viel auf dem Spiel. Sie lassen nichts unversucht, um den Anteil der geogenen Bildung herunterzuspielen.