Wer sich gesund ernährt lebt am längsten, oder? Es spricht der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des EU.L.E. e.V.



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Willkommen zur Brotzeit. Heute: Warum die Retter des Planeten mit Selbstmordgedanken spielen, warum die Erziehung zu einem gesunden Lebensstil krank macht, und warum nur Menschen ohne diesen 100 Jahre alt werden können.

Wir müssen den Planeten retten. Umweltaktivisten ziehen gerade vor das Gericht der Europäischen Union, damit die Emissionen endlich auf null heruntergefahren werden. Die Kläger sollten da mit gutem Beispiel vorangehen und - das Atmen einstellen. Denn sie verbrauchen wertvollen Sauerstoff und...

... belasten beim Ausatmen die Atmosphäre mit dem Treibhausgas Kohlendioxid. Um diese Emissionen nur um ein lausiges Drittel zu reduzieren, würde es genügen, wenn sie an ihrem Geburtstag für 4 Monate das Luftholen entstellen würden. Der Rest findet sich dann von selbst.

Unser Lebensstil bedroht aber nicht nur den Planeten, sondern auch uns selbst. Wer gesund lebt, behaupten Medizinstatistiker, würde selbst als 50jähriger locker 12 Jahre länger leben. Das bringt 12 Jahre Extra-Kohlendioxid-Emissionen. Für dieses Ziel lautet der populärste Tipp: Übergewicht vermeiden, nur so könne man sich im hohen Alter noch ein paar Extrajährchen im Pflegeheim gönnen. Übergewicht vermeiden ist noch dazu so einfach: Man muss halt mehr Kalorien verbrauchen als konsumieren. Das sollte auch gegen Fieber helfen. Denn beim Fieber dampft der Körper reichlich überflüssige Kalorien ab. Wer also Kalorien „spart“, der darf sich Hoffnung machen vor Fieberschüben gefeit zu sein. Wir wissen ja: hohes Fieber ist ein Hinweis auf vorzeitiges Ableben.

Noch ratsamer ist natürlich, das Krankwerden überhaupt zu unterlassen. Wenn man bedenkt, dass viele Patienten im Bett sterben, liegt ein weiterer Tipp auf der Hand: Versuchen Sie möglichst im Büro zu schlafen. Oder auf dem Fußboden – aber niemals im Bett. Bringt Ihnen statistische 20 Extra-Jahre. Ein Tipp ist so logisch wie jeder andere auch.

Damit alle in den Genuß der versprochenen Segnungen kommen, erhöhen die Sozialingenieure den Druck auf die Menschen, um endlich etwas Schwung in die träge Masse zu bekommen. Auf diesen Zug sprang auch Dick Costolo auf. Costolo ist ehemaliger Geschäftsführer von Twitter. Entscheidend für den Erfolg sei, so glaubte er, die Kunden nicht nur zu motivieren, sondern auch in schwierigen Phasen zu begleiten. Dazu sollten die Nutzer ihre guten Vorsätze per App mit Freunden teilen, damit diese sie ebenso freundschaftlich wie verständnisvoll ans Fitneßstudio oder ans Diättofu erinnern.

Costolo hat nun seinen Laden dichtgemacht. Denn es trat genau das Gegenteil dessen ein, was er beabsichtigte. Wenn jemand unbedingt das Rauchen aufgeben will, oder wild entschlossen ist, diesmal die Diät durchzuhalten, dann ist jeder Rückfall, eine bei einer Party gerauchte Zigarette oder das Verknuspern von Blätterkrokant nicht nur ein Fehltritt, sondern wird als schwere persönliche Niederlage empfunden – und damit ist der Wille gebrochen. Nichts ist schlimmer als vor den Augen seiner Freunde zu versagen. Man spricht vom „abstinence violation effect“.

Dieser tief verankerte Effekt durchkreuzt all die tollen Pläne jener, die uns ihre Vorstellung von „Gesundheit“ und „Ernährung“ aufoktroyieren wollen. Wenn Menschen sich zu etwas gedrängt fühlen, bauen sie inneren Widerstand auf. Die Kampagnen können das Verhalten zum Glück meist nicht verändern, aber sie sorgen für schlechtes Gewissen. Und mit dem schlechten Gewissen machen die Priester die Opfer für ihre sinisteren Ziele gefügig.

Nimmt man die Lebensweise jener, die über 100 Jahre alt wurden, dann fällt auf, dass sie nach unseren Maßstäben niemals „gesund“ gelebt haben. Der älteste Mensch, Jeanne Calment, die 122 Jahre lebte, aß kiloweise Schokolade, rauchte und liebte Portwein. Anders die Peruanerin Filomena Mendoza. Sie aß einseitig, was es halt in ihrem kleinen Dorf gab. Mit Kartoffeln, Bohnen, Ziegenfleisch und Schafsmilch wurde sie 117 Jahre alt. Das ließe sich endlos so fortsetzen.

Eins vielleicht noch: Die Bekenntnisse der 100jährigen Wirtin Marie-Louise Wirth, die noch heute jeden Morgen in ihrer Kneipe putzmunter am Tresen arbeitet: Ihr Tag beginnt mit einem Gläschen Kirschbrandy, später gibt’s Mayo und auch sonst „alles was man nicht darf“. Sport? Um Himmels willen! Sie geht nicht gern zu Fuß, aber nicht weil sie gehbehindert wäre, sie fährt lieber Auto. Ganz wichtig: „niemals Obst“ essen, niemals. Da befindet sie sich in guter Gesellschaft mit Galenus, nach Hippokrates der berühmteste Arzt der Antike; der war überzeugt, dass sein Vater nur deshalb 100 Jahre alt wurde, weil er nachweislich niemals Gemüse gegessen hätte.

Frau Wirtin – etwa ein Vorbild? Ja. Aber anders als gedacht. Das einzige, was die Methusalems eint, ist, dass ein jeder zeitlebens das getan hat, was er für richtig hielt. Jeder lebte anders, jeder aß etwas anderes. Der Eigensinn ist das, was sie alle verbindet. Das will bei 100 jährigen etwas heißen. Die wurden im Laufe ihres Lebens im Schnitt mit drei grundsätzlich unterschiedlichen, ja sich widersprechenden Gesundheitsideologien traktiert – und sie ließen sich nie vom Zeitgeist irre machen, egal was Ärzte, Pfaffen oder Nachbarinnen daherschwatzten.

Dafür braucht es gesunden Menschenverstand und vor allem Charakter!

 

Quellen

Thies C: Umweltklage gegen die EU - „Die Emissionen müssen auf Null gefahren werden“. Interview mit Gerd Winter am 31. Mai 2018, Cicero.de

Winkelheide M: Neue Studie: Fünf einfache Regeln für ein langes Leben. Deutschlndfunk 8. Mai 2018

Li Y et al: Impact of healthy lifestyle facotrs on life expectancies in the US population. Circulation 2018; 137: 209-219

Bort J: Dick Costolo exlains why he shut down his fitness startup after 8 months: ‚We were up against hard-wired human behavior‘. Businessinsider.de 28. Feb. 2018

Allard M et al: Jeanne Calment: From Van Gogh’s time to ours: 122 extraordinary years. Freeman, NY 1998

Pollmer U: Japans Lebens(mittel)-Lüge. Nicht gutes Essen macht die Japaner so alt, sondern das Meldesystem. Deutschlandfunk Kultur, Mahlzeit vom 31. Okt. 2010 http://www.deutschlandfunkkultur.de/verstaubte-melderegister-japans-lebens-mittel-luege.993.de.html?dram:article_id=154539