Brotzeit

MikropartikelFoto: Tzaph
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Willkommen zur Brotzeit. Nicht nur unser Essen bewegt die Menschen, sondern auch die Verpackungen und die Tüten, in denen wir unsere verpackten Lebensmittel nach Hause tragen. Denn die bedrohen die Meere. Schon jetzt sollen die Ozeane im Plastikmüll ertrinken, genauer gesagt im Mikroplastik, also den kleinen Teilchen in die Plastik unter Sonnenlicht im Wellenschlag zerbröselt.

Alles unter der Sonne unterliegt dem Zerfall: Aus Felsen werden Kiesel, aus Kiesel wird Sand. Aus Sand Feinstaub. Manchmal weht der Wind Feinstaub aus der Sahara bis nach Deutschland, was die Luft verschmutzt – und zu Atembeschwerden bei empfindlichen Mitbürgern führt. Selbst von harmlosem Blütenstaub bekommen viele Heuschnupfen und Asthma. Nicht gerade angenehm.

Jedes Plastik zerbröselt in zahllose Mikropartikel, die sich wie andere Schwebstoffe auch, global verteilen können. Nun wurde sogar von einer Forschungsgruppe aus Bremerhaven Mikroplastik...

...im arktischen Eis nachgewiesen – unglaublich viel, wie es heißt. Der Grund ist eine empfindlichere Analysenmethode als bisher, die auch kleinere Teilchen erfasst. Würde man nach den noch kleineren Nanopartikeln fahnden, dann dürfte man abermals über eine Zunahme staunen.

Meerwasser war noch nie sauber. Da schwimmt alles drin rum, was es auf der Erde so gibt: Gifte aller Art wie toxische Mineralien, Algengifte, Abgestorbenes, Schwemmmaterial, das die Flüsse aus den Bergen mitführen, usw. Im Meer werden die unverdaulichen Reste toter Lebewesen ebenso verrieben, wie das Plastik, das vom Festland in die Ozeane gespült wird.
Nun fehlen in der Bremerhavener Studie Daten zu den Myriaden von Partikeln im Meerwasser, die zwar Mikro sind aber eben nicht Mikro-Plastik. Beispielsweise Cellulosepartikel aus Baumwolle, Holz und Papier. Dazu kommt jede Menge weiterer organischer Kleinstteilchen. Erst dieses Gesamtbild würde es erlauben, die Ergebnisse realistisch einzuordnen.
Aber ist das Plastik nicht der bedeutendste Verschmutzer der Ozeane? Nach Schätzungen gelangen Jahr für Jahr weltweit etwa 8 Millionen Tonnen Kunststoff in die Meere. Zudem heißt es, sie seien im Gegensatz zu Cellulose oder anderen organischen Teilchen nicht abbaubar.

Zum Vergleich: Im Meer sind auch radioaktive Stoffe gelöst wie z.B. Uran. Insgesamt 4,5 Milliarden Tonnen Uran – seit Urzeiten und ganz natürlichen Ursprungs. Wenn also die Meere mit 8 Millionen Tonnen Plastik verseucht werden, dann ist unser Meerwasser erst recht eine radioaktiv verseuchte Brühe. Wie wär‘s mit einer Kampagne gegen Uran im Meer? Spendet, um die Fische vor dem sicheren Krebstod zu retten. Wir fordern ein weltweites Verbot von Uran im Wasser! Meiden Sie im Urlaub den Strand! Der Weltuntergang droht. Dummerweise schwimmt das Uran nicht oben auf sondern ist im Wasser gelöst – und damit unsichtbar. Mit Fotos wird’s schwierig.

Nun wird aber das Plastik Lauf der Jahre immer mehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, höre ich, bis der Ozean überläuft. Wer das glaubt, hat die Rechnung ohne die Evolution gemacht. Denn auf dem Mikroplastik hat sich ein neues Ökosystem etabliert. Dort nähren sich zahllose Kleinstlebewesen vom Plastik, und weitere von den plastikfressenden Winzlingen. Eine neue Nahrungskette ist entstanden. Die Fachwelt spricht von der Plastisphere. Sie dient zahllosen Arten als Lebensraum und Futterquelle. Plastik ist im Gegensatz zum Uran weder besonders gefährlich, noch besonders widerstandsfähig. Und schon gar nicht unsere Plastiktüten. Sie werden letztendlich ebenso abgebaut wie Cellulose.

In der Forschung ist die Bedeutung der Plastisphere für das Ökosystem Meer längst bekannt, nur in der Öffentlichkeit schweigt man fein stille. In der Natur hat kein Material Bestand, keine Futter-quelle bleibt ungenutzt. Deshalb versenken Meeresbiologen alte Autowracks im Meer, weil aus dem Schrott im Meer, der bis dato als üble Umweltverschmutzung galt, neue Riffe entstehen und zahlreiche Tiere darin Schutz finden und damit einen neuen Lebensraum.

Gleichzeitig werden Umweltbesorgte nicht müde, eben diese Evolution zu beklagen, und als Zeichen eines drohenden Untergangs zu deuten: Nämlich bei den Antibiotika. Über kurz oder lang lernen alle Mikroorganismen, die gegen sie gerichteten Waffen zu entgiften und sogar als Futterquelle zu nutzen. Sie werden resistent. Und dann, so heißt es, müssen wir alle sterben, weil wir den Kampf gegen die Seuchen verlieren.

Mikroplastik und Antibiotikaresistenzen sind also zwei Seiten der gleichen Medaille – der Evolution. Nichts hat Bestand. Wir werden immer wieder neue Plastiktüten brauchen und neue Antibiotika. So wie wir uns auch jeden Tag neue Nahrung schmecken lassen.

 

Literatur

Peeken I et al: Arctic sea ice is an important temporal sink and means of transport for microplastic. Nature Communications 2018; 9: e1505

Zettler ER et al: Life in the "plastisphere”: microbial communities on plastic marine debris. Environmental Science & Technology 2013; 47: 7137−7146

Zettler ER et al: 2011 The ‘plastisphere’: a new and expanding habitat for marine protists. Journal of Phycology 2011; 47: S45

Pollmer U: Ökologie: Siedlungszone Plastiktüte. Deutschlandfunk Kultur, Mahlzeit vom 21. Dez. 2013 http://www.deutschlandfunkkultur.de/oekologie-siedlungszone-plastiktuete.993.de.html?dram:article_id=272686

Yoshida S et al: A bacterium that degrades and assimilates poly(ethylene terephthalate). Science 2016; 351: 1196-1199

Austin HP et al: Characterization and engineering of a plastic-degrading aromatic polyesterase. PNAS 2018; 115: E4350-E4357

Jambeck JR et al: Plastic waste inputs from land into the ocean. Science 2015; 347: 768-771

Parker L: 8 Millionen Tonnen Plastik landen jährlich im Meer. NationalGeographic.de vom 12. April 2018

Guidez J, Gabriel S: Extraction of uranium from seawater: a few facts. EPJ Nuclear Sciences & Technologies 2016; 2: e10